Eine Frauenstimme liest Zahlen vor, fünf Ziffern, Pause, wieder fünf Ziffern, minutenlang. Kein Rufzeichen, keine Erklärung, kein Absender. Wer so etwas auf Kurzwelle zum ersten Mal hört, vergisst es nicht mehr. Ich jage diesen Sendern immer wieder nach, mit mässigem Erfolg: Erst zweimal hatte ich wirklich Glück. Dieses Jahr ist das Thema aber plötzlich wieder aktuell geworden, denn 2026 ist ein neuer Zahlensender dazugekommen.

Was ist ein Zahlensender?
Zahlensender sind Kurzwellenstationen, die verschlüsselte Nachrichten an Agenten senden. Der Ablauf ist fast immer gleich:
- Eine Kennung, etwa «Achtung» und eine dreistellige Zahl, oft minutenlang wiederholt. So hat der Empfänger Zeit, sein Radio einzustellen.
- Die Anzahl der Gruppen, die folgen.
- Die Nachricht selbst in Fünfergruppen, oft zweimal gelesen.
- Ein Schlusswort, etwa «Ende».
Die Monitoring-Szene sortiert die Sender nach einem Schema, das die Gruppe ENIGMA eingeführt hat:
- E steht für eine englische Stimme, G für eine deutsche, S für slawische Sprachen und V für alle anderen Sprachen.
- M steht für Morse und F für digitale Aussendungen.
- X steht für Kuriositäten und HM für Mischformen aus Sprache und Daten.
Viele Sender laufen auch dann, wenn es gar nichts zu melden gibt. Sie senden dann Null-Nachrichten. So kann ein Gegner aus der Menge der Aussendungen nicht ablesen, wann gerade etwas los ist.
Der Neue: V32 auf Persisch
Am 28. Februar 2026, um 18:00 UTC, rund zwölf Stunden nach den ersten Angriffen auf Iran, tauchte auf 7910 kHz eine Männerstimme auf, die auf Persisch Zahlen vorlas. Die Szene taufte den Sender V32. Was dann geschah, liest sich wie ein Agentenfilm:
- Ab dem 4. März lag ein iranischer «Bubble Jammer» auf 7910 kHz, ein blubbernder Störsender. V32 wich auf 7842 kHz aus, der Störer folgte, und das Katz-und-Maus-Spiel dauerte Wochen.
- Am 7. März waren mitten in einer Aussendung kurz Windows-Systemklänge zu hören. Offenbar lief am Sender ein ganz gewöhnlicher Windows-PC.
- Seit dem 18. März läuft eine dritte Version mit automatisierter Wiedergabe. Laut Priyom besteht jede Sendung aus sechs Nachrichten zu je 20 Minuten. Jede Nachricht beginnt mit dreimal «tavajjoh» («Achtung») und enthält 181 Fünfergruppen. Gesendet wird täglich um 02:00 und 18:00 UTC in USB, und die Sendung um 18:00 wiederholt die von 02:00.
Wer hinter V32 steckt, ist offen. Gepeilt wurde der Sender irgendwo in Westeuropa. Priyom nennt als vermuteten Standort eine Anlage der US-Armee in Böblingen bei Stuttgart und als möglichen Betreiber die CIA. Bestätigt ist davon nichts, und keine Regierung hat sich zu dem Sender bekannt.
Wer sonst noch sendet
Zahlensender sind zwar nicht mehr so zahlreich wie im Kalten Krieg, aber sie sind immer noch ein tägliches Phänomen:
- E11 «Oblique» aus Polen sendet mit einer Frauenstimme in USB, meist nur Null-Nachrichten.
- Die russischen Sender sind die fleissigsten. In den monatlichen Berichten von «Numbers & Oddities» tauchen regelmässig E06, S06, die Morse-Station M14 und viele digitale Aussendungen auf.
- HM01 aus Kuba mischt eine spanische Frauenstimme mit digitalen Datenpaketen. Der Sender ist in den letzten Jahren allerdings unzuverlässig geworden.
- UVB-76 «The Buzzer» auf 4625 kHz ist streng genommen kein Zahlensender, sondern ein russischer Militärkanal. Er summt seit Jahrzehnten fast ohne Pause, nur selten unterbrochen von einer Stimme. Er ist Kult und eignet sich gut für erste Versuche.
Legenden
Ein paar Sender sind längst Legende:
- Der Lincolnshire Poacher (E03) spielte vor jeder Sendung ein englisches Volkslied. Er wird dem britischen Geheimdienst zugeschrieben, vermutlich mit Standort auf Zypern, und verstummte 2008.
- Swedish Rhapsody (G02) aus Polen las die Zahlen mit einer Kinderstimme vor, begleitet von einer Spieluhr-Melodie. Er gilt als einer der unheimlichsten Sender überhaupt.
- The Conet Project ist eine Sammlung von Aufnahmen auf vier CDs aus dem Jahr 1997. Sie ist bis heute die Referenz für Zahlensender, und die Band Wilco hat daraus gesampelt.
Wie die Verschlüsselung funktioniert
Hinter fast allen Zahlensendern steckt das One-Time-Pad, der Einmalschlüssel. Der Agent hat einen Block mit zufälligen Ziffern, und jede Seite wird genau einmal benutzt:
- Der Klartext wird in Ziffern umgewandelt. In der Praxis nimmt man dafür eine Tabelle wie das «Straddling Checkerboard». In meinem Beispiel reicht A = 01 bis Z = 26.
- Dann wird der Schlüssel Ziffer für Ziffer dazugezählt, ohne Übertrag. Aus 7 + 8 = 15 wird also einfach 5.
- Der Empfänger zieht denselben Schlüssel wieder ab und hat den Klartext.

Das ist alles. Es braucht weder Computer noch Strom, nur Papier und Bleistift.
Kann man das knacken?
Diese Frage hat mich am meisten interessiert. Heute haben wir Rechenzentren, Grafikkarten und starke KI. Kann man damit eine V32-Nachricht entschlüsseln?
Die Antwort ist nein, und zwar nicht, weil die Rechner zu langsam wären. Es liegt an der Mathematik. Das Bild oben zeigt den Kern: Zum selben Geheimtext gibt es für jeden denkbaren Klartext genau einen passenden Schlüssel. «TREFFEN» und «ABBRUCH» ergeben beide denselben Geheimtext, nur mit einem anderen Pad. Wer alle Schlüssel durchprobiert, findet nicht die eine richtige Lösung, sondern alle möglichen Nachrichten gleichzeitig, und nichts davon sagt ihm, welche gemeint war. Claude Shannon hat 1949 bewiesen, dass das so ist. Man nennt es «perfekte Geheimhaltung».
Ein paar Zahlen dazu: Eine einzige V32-Nachricht hat 181 Gruppen mit je fünf Ziffern, also 905 Ziffern. Dafür gibt es 10⁹⁰⁵ mögliche Schlüssel. Zum Vergleich: AES-256, ein heutiger Standard für sichere Verbindungen, hat «nur» rund 10⁷⁷ Schlüssel, und im ganzen sichtbaren Universum gibt es schätzungsweise 10⁸⁰ Atome.

Und eine KI? Ich habe Claude gefragt. Die Antwort war ehrlich: Eine KI erkennt Muster, und ein echtes One-Time-Pad hat keine. Der Geheimtext ist von reinem Zufall nicht zu unterscheiden. Eine KI könnte höchstens eine plausibel klingende Nachricht erfinden, aber genau das kann man bei einem One-Time-Pad mit jeder beliebigen Nachricht. Daran ändern auch Quantencomputer nichts. Bei AES und RSA ist die Sicherheit eine Frage des Rechenaufwands. Beim One-Time-Pad gibt es schlicht nichts zu berechnen.
Erwischt wurden sie trotzdem
Geknackt wurden Zahlensender nie mathematisch, sondern immer über menschliche Fehler:
- Venona: Unter dem Druck des deutschen Vormarschs auf Moskau druckte die Sowjetunion 1942 rund 35 000 Seiten Schlüsselmaterial doppelt. Die Amerikaner merkten es. Bis 1980 konnten sie von Hunderttausenden abgefangenen Nachrichten rund 3000 ganz oder teilweise lesen, und das nur, weil Seiten zweimal benutzt worden waren.
- Ana Montes: Die Analystin des US-Militärgeheimdienstes DIA spionierte jahrelang für Kuba. Ihre Anweisungen kamen über Kurzwelle, 150 Fünfergruppen pro Nachricht, und sie entschlüsselte sie mit einem Programm auf ihrem Laptop. Das war ihr Fehler. Das FBI kopierte heimlich die Festplatte und fand gelöschte Reste einer Nachricht, die genau zu einer archivierten Sendung von 1999 passte. 2001 wurde sie verhaftet. Auch im Verfahren gegen die sogenannten «Cuban Five» spielten solche Sendungen eine Rolle.
Die Lehre daraus: Die Mathematik hält. Gefährlich wird es, wenn Schlüssel doppelt verwendet werden, der Zufall nicht wirklich zufällig ist oder der Schlüssel auf einem Computer liegt, den jemand anderes in die Finger bekommt.
Selber hören
Wer es selbst versuchen will, findet auf priyom.org aktuelle Sendepläne und Direktlinks zu WebSDRs. Numbers & Oddities veröffentlicht jeden Monat Logs als PDF. Für V32 gilt 18:00 UTC, bei uns im Winter 19:00 Uhr, auf 7910 oder 7842 kHz in USB. Den Buzzer findest Du jederzeit auf 4625 kHz.
Es gibt aber einen Haken, und den kennen wir Funker gut. V32 wird in Westeuropa gepeilt, vielleicht sogar nur rund 150 km von mir entfernt. Abends liegt die kritische Frequenz der Ionosphäre über uns bei etwa 3 MHz. Ein Signal auf 7,9 MHz geht dann steil nach oben einfach durch, statt zurückzukommen. Gut zu hören ist es erst viel weiter weg, und Funker in Griechenland oder auf Zypern berichten tatsächlich von starken Signalen. Gut möglich also, dass wir in der Ostschweiz in der toten Zone sitzen. Priyom meldet ausserdem, dass V32 seit Ende März deutlich schwächer geworden ist. Hier hilft ein WebSDR, der weiter weg steht.

Ich werde in den nächsten Tagen um 19:00 Uhr wieder reinhören und berichte, ob es geklappt hat.
Übrigens: Wer Empfangsantennen vergleichen möchte, hat mit den Zahlensendern eine Art Bake. Die Sendezeiten und Frequenzen sind fest, und man kann zum Beispiel zwei Antennen nacheinander auf dieselbe Aussendung umschalten.
Zahlensender sind eines der letzten echten Geheimnisse auf Kurzwelle. Die Technik dahinter stammt aus dem letzten Jahrhundert, und trotzdem ist sie bis heute unknackbar. Das finde ich einfach faszinierend.
73 de Chris, HB9HJI
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