Wenn du abends über 14.236 MHz drehst, hörst du meistens: nichts. Höchstens ein blubberndes Geräusch, das klingt, als hätte jemand ein Modem ins Mikrofon gehalten. Genau das ist der Witz — da funkt gerade jemand, nur eben digital. FreeDV-Sprache klingt im SSB-Empfänger nach Datenmüll, und wer nicht weiss, dass sich die Community fast komplett auf dieser einen Frequenz trifft, dreht weiter und denkt sich nichts dabei.
Seit gestern Abend ist HAM-Tools 1.47.0 draussen, und die App beantwortet dir genau diese Frage: Wer ist auf FreeDV gerade QRV — und lohnt es sich, reinzuhören?

Was FreeDV überhaupt ist
FreeDV gibt es seit 2012, angestossen von David Rowe VK5DGR und seinem Team. Der Grund für das Projekt ärgert mich bis heute: D-Star, DMR und Fusion benutzen alle den proprietären AMBE-Codec — ein Stück Technik mitten in unserem Experimentierhobby, das wir weder einsehen noch verändern dürfen. FreeDV ist die offene Antwort darauf und bis heute die einzige quelloffene digitale Sprachbetriebsart für Kurzwelle.
Richtig Fahrt aufgenommen hat die Sache mit dem neuen Modus RADE, dem «Radio Autoencoder»: Der schickt Sprache durch ein neuronales Netz statt durch die klassische Kette aus Codec und Modem und braucht dafür rund 1,5 kHz. Im Februar 2026 kam der Durchbruch — RADE wurde von Python auf reines C portiert, die Software schrumpfte von über 600 MB auf 69 MB, und innert Monaten tauchten Apps für Android, iOS und diverse SDR-Programme auf. Für die nächste Ausbaustufe, die noch nicht für den Betrieb freigegeben ist, nennt David Rowe gegenüber SSB einen Vorteil von rund 10 dB — ein Wert, der selbst ihm «a bit too good to be true» vorkommt. Warten wir es ab.
Die Community ist klein, und sie hat eine kluge Angewohnheit: Sie meldet sich gegenseitig auf einer Tafel im Netz. Der FreeDV Reporter (qso.freedv.org) zeigt, wer online ist, wer gerade sendet und wer wen mit welchem Rapport hört.
Die Tafel in der App
Genau diese Tafel holt HAM-Tools jetzt in die Seitenleiste. Das FreeDV-Modul zeigt die Online-Stationen als Liste und als Karte: Rufzeichen, Locator, Frequenz, Entfernung und Richtung vom eigenen QTH. Wer gerade sendet, leuchtet rot; wer jemanden hört, steht grün da — samt SNR. Dazu Bandfilter, Suche und Grosskreis-Linien auf der Karte. Als ich mich gestern Abend zum ersten Mal verbunden habe, waren zwischen 34 und 40 Stationen online, ein ganzes Rudel davon auf 14.236 MHz.
Zuschauen geht übrigens ganz ohne Anmeldung. Wer sich auf «Sichtbar» stellt, meldet Rufzeichen, Locator, Frequenz (die folgt der CAT-Steuerung) und eine Statusmeldung an den Reporter — und steht dann selbst auf der Tafel. So bin ich gestern als HB9HJI zwischen den ganzen W- und VE-Stationen aufgetaucht.
Der Rest fügt sich in die App ein, wie du es von HAM-Tools kennst: Ein Doppelklick auf eine Station füllt das QSO-Formular, die CAT springt in den Data-Filter, und der Rotor dreht auf die Peilung. Und weil die Reporter-Daten letztlich nichts anderes sind als Spots, laufen sie auf Wunsch auch durchs DX-Cluster — in der Spot-Liste, auf der Bandmap und auf der Weltkarte, mit eigener Checkbox zum Ein- und Ausschalten.
Die schönste Erkenntnis: Das Feature war schon da
Bevor ich gebaut habe, stand eine Machbarkeitsstudie. Das Ergebnis in einem Satz: Der grösste Nutzen für ein Logbuch liegt nicht darin, den FreeDV-Decoder nachzubauen, sondern darin, die Aktivität sichtbar zu machen und QSOs automatisch zu übernehmen.
Und dabei kam etwas heraus, das mich schmunzeln liess: Die Anbindung an FreeDV GUI existierte in HAM-Tools schon. FreeDV GUI meldet geloggte QSOs nämlich über dasselbe UDP-Protokoll wie WSJT-X — und diesen Empfänger hatte die App längst an Bord. Es fehlte nur das Wissen darum und ein Feld für den ADIF-Submode. Manchmal ist das Feature schon da, man hat es bloss noch nicht gesehen.
Jetzt ist die Kette komplett: Wer mit FreeDV GUI hört und spricht, drückt dort «Log QSO», und der Kontakt landet in HAM-Tools — mit MODE=DIGITALVOICE und dem neuen ADIF-Feld SUBMODE=FREEDV, so wie LoTW und eQSL es erwarten. Der Livetest gestern Abend: K0YEO auf 14.236 MHz, sauber im Log, ohne einen einzigen Tastendruck in der App.
Ein Kuriosum aus dem Protokoll gab es gratis dazu: Eine Station meldete als Frequenz den Wert 9’223’372’036’854’775’800 Hz — das Maximum einer Int64-Zahl, ein uninitialisierter Wert in ihrem Client. Beim ersten Test hat mir das die App gecrasht. Inzwischen wird so etwas abgefangen; auf 9,2 Trillionen Hertz funkt dann doch niemand.
Was das Modul bewusst nicht ist
HAM-Tools decodiert kein FreeDV-Signal. Hören und Sprechen bleibt Sache von FreeDV GUI — die beiden Programme ergänzen sich, statt sich zu konkurrenzieren. Der Decoder selbst steht bei mir auf der Liste, mehr verspreche ich dazu bewusst noch nicht.
Soweit ich weiss, ist HAM-Tools damit das erste Mac-Logbuch, das FreeDV-Aktivität live anzeigt und FreeDV-QSOs ohne Abtippen übernimmt. Falls du ein anderes kennst: Ich lasse mich gern korrigieren.
So probierst du es aus
Installier dir FreeDV GUI von freedv.org, dreh abends auf 14.236 MHz — und lass dir vorher von HAM-Tools zeigen, ob sich das gerade lohnt. Die App gibt es wie immer als Download, die Details stehen auf der Hilfe-Seite zum FreeDV-Modul und im Changelog.
Nach dem WSPR-Modul ist das übrigens schon das zweite Mal, dass ein komplettes Betriebsverfahren in die App einzieht. Es macht mir einfach Spass, wenn das Logbuch nicht nur aufschreibt, was war, sondern zeigt, was gerade läuft.
Wenn du RADE ausprobierst und mich auf der Tafel siehst: Winken gilt als QSO-Anbahnung.
73 de Chris, HB9HJI