Spontan nach Graubünden: POTA-Aktivierung in Urmein am Heinzenberg

Manchmal sind die besten Pläne die, die man über den Haufen wirft.

Eigentlich war unser Urlaub anders gedacht. Aber wer diesen Sommer im Flachland sass, weiss, wovon ich rede: Die Hitze stand wie eine Wand. Also haben wir kurzerhand umdisponiert, das Wohnmobil in die andere Richtung gelenkt und sind in die Bündner Berge gefahren. Ziel: Urmein am Heinzenberg, gut 1200 Meter über Meer.

Es war die richtige Entscheidung. Kühle Luft, ein Panorama, das jeden Franken Sprit wert ist, und eine Ruhe, die man im Unterland fast vergessen hat. Wir geniessen es sehr.

Und für Funkamateure hat der Ort einen angenehmen Nebeneffekt: Er liegt im POTA-Park CH-0003, Naturpark Beverin.

Wenn man schon mal da ist, wo es schön ist – dann nimmt man das Funkgerät mit raus.

Der eigentliche Anlass: ein Test

Ehrlich gesagt war die Aktivierung nicht der ursprüngliche Plan, sondern die Gelegenheit. Ich wollte an Ham-Tools sowieso ein paar Dinge im echten Feldbetrieb prüfen – nicht am Schreibtisch, wo alles funktioniert, sondern draussen, mit Akku, mobiler Datenverbindung und der üblichen Portabel-Improvisation.

Und ein Park, in dem man steht, ist nun mal der beste Testaufbau, den man kriegen kann. Vorweggenommen: Es hat sich gelohnt. Drei Fehler kamen ans Licht, einer davon richtig unangenehm. Aber dazu weiter unten.

Das Setup

Nichts Aufwendiges, und genau das ist der Punkt:

Transceiver: IC-705 mit 10 Watt, gespeist aus einem externen Akku.
Antenne: meine selbstgebaute 1:49-EndFed.
Betriebsart: FT8 auf 20 m, 14.074 MHz.
Locator: JN46.

Zum Thema Leistung ein Hinweis, über den viele IC-705-Besitzer stolpern: Aus dem internen Akku gibt das Gerät nur 5 Watt ab. Die vollen 10 Watt bekommt man erst mit externer Speisung. Ich hatte deshalb einen externen Akku dabei – ein bisschen mehr Gepäck, dafür doppelte Leistung. Bei FT8 macht das den Unterschied zwischen «wird knapp dekodiert» und «kommt sauber durch».

Die Antenne ist schnell aufgebaut – ein Ende hoch, das andere zum Gerät, fertig. Kein Radialgestrüpp, kein Tuner-Gefummel. Für portabel bleibt die EndFed für mich die pragmatischste Lösung, und dass sie selbstgebaut ist, macht jedes QSO ein bisschen mehr zu meinem eigenen.

Für FT8 und Ham-Tools läuft mein MacBook Air mit – das ist meine POTA-Maschine. Nach der Session zeigte es noch 93 Prozent Akku und knapp acht Stunden Restlaufzeit. Der Laptop ist also nicht das, was einen im Feld zuerst limitiert. Das beruhigt, wenn man weit weg von der nächsten Steckdose sitzt.

Die Bedingungen spielten mit

Ich hatte Glück: Der Solar Flux Index stand bei 190, der K-Index bei 2, A bei 27. Also ruhige Verhältnisse bei ordentlicher Sonnenaktivität – wenn man sich einen Tag für eine Aktivierung aussuchen dürfte, würde er ungefähr so aussehen.

Entsprechend voll war das Wasserfalldiagramm. Auf 20 m ging es zu wie auf einem Bahnhof.

WSJT-X mit FT8 auf 14.074 MHz und das Ham-Tools-Panel während der POTA-Aktivierung
Links WSJT-X mit vollem Band, rechts das Ham-Tools-Panel: Bandsegment, Propagation und die eigenen Spots auf einen Blick.

Der Screenshot zeigt ganz gut, wie das aussieht: links WSJT-X mit dem Band voller Signale, rechts mein Ham-Tools-Panel. Unter den gearbeiteten Stationen war unter anderem PA1AMS aus JO22 – 720 Kilometer, Azimut 336 Grad, mit zehn Watt aus einem Drahtstück im Bündner Bergwald. Das ist der Moment, in dem man kurz grinst.

Was Ham-Tools im Feld gut gemacht hat

Fangen wir mit dem an, was lief.

Die Bandsegment-Anzeige meldete brav «20 m, 14070–14089 kHz» – also genau das Digimode-Segment, in dem FT8 zu Hause ist. Wer meinen Beitrag zum IARU-Bandplan gelesen hat, weiss, warum mir das wichtig ist: Im Feld, wenn man improvisiert und schnell macht, rutscht man am ehesten daneben. Ein Blick genügt, und man weiss, dass man richtig liegt.

Das Propagations-Panel hatte SFI, K- und A-Index live im Blick, dazu die Bandübersicht nach Kontinenten. Praktisch, wenn man entscheiden muss, ob man auf 20 m bleibt oder das Band wechselt.

Und der Teil, über den ich mich am meisten gefreut habe: die eigenen Spots. Ham-Tools zeigt mir, wo ich selbst gerade gehört werde – an diesem Nachmittag unter anderem von G3YPP und SM7IUN auf 14.074. Man sitzt am Waldrand, ruft CQ, und die Software sagt einem: Du wirst gehört, in England und in Schweden. Das ist ein gutes Gefühl.

Und was es gefunden hat

Jetzt der interessante Teil. Denn genau dafür macht man so einen Test – und die Ausbeute war grösser, als mir lieb war.

Der dickste Fisch: Die Sendeleistung blieb nach dem Gerätewechsel falsch stehen. Zu Hause funke ich mit dem IC-7610 und 100 Watt. Hier draussen steht der IC-705 mit zehn. Und was schrieb die App brav in jedes geloggte QSO? Hundert Watt.

Der Grund war eine Denkfalle in meiner eigenen Logik: Die Umrechnung der Leistung lief nur, wenn man am Leistungsregler drehte. Stand der unverändert auf 100 Prozent – was bei einem Gerätewechsel ja der Normalfall ist –, wurde nie neu gerechnet. Die App hielt eisern an der alten Zahl fest.

Für ein Portabel-Log ist das ärgerlich, für ein QRP-Log fatal. Wer QRP-Diplome sammelt, hat plötzlich lauter 100-Watt-Einträge im Logbuch. Inzwischen löst auch ein Geräte- oder Bandwechsel die Neuberechnung aus – die Maximalleistung ist ja bandabhängig. Bereits falsch geloggte QSOs lassen sich im Logbuch nachträglich korrigieren.

Der zweite Fund war ein Klassiker der Sorte «zu Hause nie gesehen»: Der Dialog «Neues Log anlegen» lief auf kleinen Bildschirmen aus dem Bild. Auf einem MacBook waren die Buttons «Abbrechen» und «Anlegen» schlicht nicht erreichbar, und einen Scrollbalken gab es nicht. Am grossen Shack-Monitor fällt so etwas nie auf. Im Wohnmobil, auf dem 13-Zöller, sofort. Jetzt scrollt der Formularbereich, Titel und Buttons bleiben stehen.

Und drittens etwas Kosmetisches, das trotzdem stört: Die Log-Typen im Anlege-Dialog waren in der englischen Oberfläche noch auf Deutsch – «Allgemeines Log (Lebens-Log, Tages-Log, …)», «≥4 QSO/Gipfel» und die übrigen Beschreibungen. Auch das ist übersetzt.

Alle drei Punkte sind in Version 1.37.3 behoben. Gefunden, gefixt, ausgeliefert – innerhalb desselben Tages.

Ich schreibe das so ausführlich, weil es genau die Erkenntnis bestätigt, die ich schon im Werkstattbericht hatte: Software wird nicht am Schreibtisch gut. Sie wird gut, wenn jemand sie draussen benutzt – auf einem zu kleinen Bildschirm, mit dem anderen Funkgerät, unter Bedingungen, an die man beim Programmieren nicht gedacht hat. Dass ich diesmal selbst der Tester war, macht es nicht besser – es macht nur deutlich, wie wichtig eure Rückmeldungen sind.

Nebenbei lief der AV9 als HB9HJI-9 über APRS mit, damit man weiss, wo ich stecke:

APRS-Karte mit der Position HB9HJI-9 in Oberurmein am Heinzenberg
HB9HJI-9 in Oberurmein – so weiss die Familie daheim, wo das Wohnmobil steht.

Am Ende: 13 QSOs

Dreizehn Verbindungen stehen im Log. Für eine POTA-Aktivierung braucht es zehn – CH-0003 ist damit gültig aktiviert, und das mit zehn Watt an einem Draht.

Klingt nach wenig? Ist es nicht. Jedes dieser QSOs bedeutet, dass irgendwo in Europa jemand meine zehn Watt aus einem Bündner Bergdorf sauber dekodiert hat. Der weiteste Vertreter im Log war PA1AMS aus den Niederlanden, 720 Kilometer Luftlinie. Und ich sass dabei mit Aussicht auf die Berge, statt im Shack bei geschlossenen Rollläden gegen die Hitze.

Was bleibt: Es braucht nicht viel. Ein kleines Funkgerät, ein selbstgebauter Draht, ein schöner Fleck Erde. Die spontane Planänderung wegen der Hitze hat uns an einen Ort gebracht, an dem ich sonst wohl nie gefunkt hätte – und genau darin liegt für mich der Reiz an POTA. Man kommt raus, sieht Ecken der Schweiz, die man nicht kennt, und bringt sie über den Äther zu Leuten, die sonst nie davon gehört hätten.

Die Aktivierung war ein Nebenprodukt der Ferien, nicht ihr Zweck. Aber sie war das schönste Nebenprodukt seit Langem.

Wenn du mich in den nächsten Tagen aus JN46 hörst: Ich bin es wirklich, und ich sitze bei bestem Wetter irgendwo mit Aussicht. Ruf mich an.

73 de Chris, HB9HJI

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