Im Juli habe ich im Werkstattbericht ein neues Projekt angeteasert und seither immer wieder vertröstet: fertig gebaut, signiert, notarisiert — aber der letzte Schalter lag nicht bei mir. Jetzt ist er umgelegt. Die Freischaltung für die Winlink-Dienste ist da, und damit ist Skywave offiziell draussen: ein nativer Winlink-Client für macOS. Version 0.5.1 liegt zum Download bereit, der Quellcode ist offen (MIT-Lizenz).
Warum überhaupt noch ein Winlink-Programm?
Weil es für den Mac schlicht keines gab, das sich nach Mac anfühlt. Winlink ist historisch Windows-Land: Winlink Express läuft dort, VARA läuft dort, und wer auf dem Mac Mail über Funk wollte, hat sich bisher durch Wine-Installationen, virtuelle Maschinen oder Bastellösungen mit mehreren Programmen und Audio-Umleitungen gekämpft. Für etwas, das im Kern eine simple Sache ist: E-Mail ohne Internet, übers Kurzwellenband.
Und der Anwendungsfall ist realer, als er klingt. E-Mail über Kurzwelle ist das Werkzeug für alle Situationen, in denen das Netz fehlt oder fehlen könnte: im Wohnmobil im Funkloch — mein Dauerzustand diesen Sommer —, auf See, bei Übungen der Notfunkgruppen, oder schlicht als Fähigkeit, die man beherrschen will, bevor man sie braucht. Ein Mail, das über 3613 kHz sein Ziel findet, findet es auch dann noch, wenn die Mobilfunkzelle dunkel ist.
Skywave macht daraus wieder eine simple Sache. Eine App, nativ in Swift, mit einer eigenen Implementierung des Winlink-B2F-Protokolls. Mail lesen, schreiben, senden — wahlweise übers Internet (Telnet zum CMS) oder über Funk. Und für den Funkweg steckt das ARDOP-Modem gleich mit im Bundle: ein macOS-Port von ardopcf, der als verwalteter Prozess im Hintergrund läuft. Ein USB-Kabel zum Funkgerät, mehr Verkabelung ist nicht. Wer VARA hat, kann es weiterhin als externes Modem anbinden.
Der Moment, in dem es ernst wurde
Software, die nur im Labor funktioniert, gibt es genug. Darum war der wichtigste Meilenstein nicht die hübsche Oberfläche, sondern der 18. Juli: erster On-Air-Test an der Schweizer Gateway-Station HB9AK auf 80 m (3613 kHz, ARDOP 2000). Die App hat das Funkgerät per CI-V selbst auf die Frequenz gestellt und nachher zurück, die PTT über CAT getastet, die Verbindung kam mit Qualität 99 zustande — zwölf von zwölf Frame-Syncs, null fehlgeschlagene Dekodierungen, kompletter Mailaustausch. Seit diesem Tag wusste ich: Das Ding funktioniert. Es durfte nur noch nicht offiziell.
Das Gateway-Verzeichnis — und warum es sich zurückhält
Mein Lieblingsdetail der 0.5er-Version: Ablage → Gateways (⇧⌘G) zeigt die RMS-Gateways in deiner Nähe, mit Distanz, Peilung, Band und Bandbreite, Favoriten inklusive. Die Liste kommt live aus den Winlink Web Services — und genau dafür brauchte es die Freischaltung, auf die ich gewartet habe.
Winlink vergibt diesen Zugang unter einer Bedingung: sparsam abfragen. Skywave setzt das selbst durch, statt es dem Benutzer zu überlassen — automatisch aktualisiert wird höchstens einmal am Tag, nach Fehlern greift ein exponentieller Backoff, und auch der Aktualisieren-Knopf kommt an einer Stunde Mindestabstand nicht vorbei. Das ist dieselbe Haltung wie beim WSPR-Bakenbetrieb neulich: Wer eine gemeinsame Infrastruktur nutzt, verhält sich so, dass sie für alle nutzbar bleibt. Ganz ohne Netz und Freischaltung gibt es übrigens trotzdem eine Startliste mit den Schweizer ARDOP-Kanälen.

Erste Schritte
Du brauchst ein Winlink-Konto (Rufzeichen und Passwort — falls du noch keines hast, entsteht es beim ersten Kontakt mit dem System). Danach:
- DMG laden, App in den Programme-Ordner, starten. macOS 14 oder neuer.
- In den Einstellungen Rufzeichen, Passwort und Locator hinterlegen.
- Erst übers Internet testen: ein Mail per Telnet schicken und abholen. Damit weisst du, dass Konto und Postfach stimmen, bevor die Funkstrecke ins Spiel kommt.
- Dann der Funkweg: unter Einstellungen → Funk das integrierte ARDOP-Modem wählen, PTT-Methode setzen (empfohlen: CAT via CI-V), im Gateway-Verzeichnis eine Station in Reichweite aussuchen — und den ersten Connect wagen. Bei mir war es HB9AK auf 80 m, und der Moment, in dem das erste Mail ohne ein einziges Internetpaket ankommt, hat etwas.
Ein ehrlicher Hinweis zu den Grenzen: Skywave ist 0.5.1 — stabil im Kern, aber «work in progress». Die RTS-PTT über den USB-Seriell-Adapter blockiert die macOS-Sandbox; mit CAT-PTT (CI-V) läuft es sauber, rigctld und VOX gehen auch. Und VARA bleibt eine Windows-Software — wer sie nutzen will, braucht sie weiterhin extern.
Was als Nächstes kommt
Die App ist draussen, die Updates kommen künftig direkt über die eingebaute Aktualisierung. Und der nächste Beitrag zu diesem Thema wird kein Release-Text mehr sein, sondern die Geschichte, für die ich Skywave eigentlich gebaut habe: Winlink über Funk im Alltag — vom Wohnmobil aus, ohne Internet, zuerst auf UKW und dann auf Kurzwelle. Die Notizen dafür sammle ich schon.
Skywave gibt es auf der Software-Seite, den Quellcode auf GitHub. Wenn du es ausprobierst: Ich freue mich über jede Rückmeldung — besonders über die erste Verbindung, die nicht an HB9AK ging.
73 de Chris, HB9HJI